272.771 Menschen traten 2019 aus der katholischen Kirche aus. Das vergangene Jahr stellt diesen traurigen Rekord jüngsten Hochrechnungen zufolge in den Schatten. Kentert die Arche in der Flut der Modernen?

„Das Thema ist für mich durch“- mit diesen klaren Worten beschreibt Michelle Borno ihre Haltung gegenüber der katholischen Kirche. Im August 2019 entschied sich die 25-Jährige Oelderin für den Austritt.     

Dubios, verlogen, kriminell

Die katholische Kirche sei vertrauensunwürdig. Die Missbrauchsskandale und der Umgang mit den Missbrauchsopfern seien „furchtbar gewesen“, so Michelle. Dadurch habe sie viel Vertrauen zu der Institution verloren. Dieses leide auch erheblich unter der Intransparenz der Kirche, beispielsweise in Bezug auf die Kirchensteuer. „Wozu soll ich denn Kirchensteuern zahlen? Damit ein Bischof seine 10 000 Euro im Monat bekommt?“ Es müsse für die Öffentlichkeit nachvollziehbar sein, wohin die Gelder fließen, wie bei jeder größeren Organisation. „Jeder von uns muss alles offenlegen. Wir müssen komplett die Hosen runterlassen. Und die Kirche? Die muss das nicht. Die muss gar nichts offenlegen. Sie stehen über allem. Das kann ich nicht verstehen.“  

Helfer in der Not

Aloys Daniel, Pater des Redemptoristen Klosters Kirchhellen (Bottrop), könne den Vertrauensverlust gegenüber der katholischen Kirche nachvollziehen. Allerdings rät er dazu, „nicht alles, was mit der katholischen Kirche zu tun hat, zu verdammen, sondern auch offenen Auges zu sein, was Positives im Namen der Kirche geschieht.“ Durch die Missionsarbeit in Lateinamerika beispielsweise unterstütze die katholische Kirche die Armen. Einrichtungen, wie die Caritas, Malteser, Johanniter oder das rote Kreuz seien durch die Kirche entstanden. Michelle beharrt: „Es gib genug andere gemeinnützige Vereine. Dafür muss es nicht unbedingt die Kirche geben.“

Professor Pollack, Religionssoziologe der Westfälischen Wilhelms Universität Münster, erklärt, dass die soziale Relevanz der Kirche durch die vielen Möglichkeiten der Moderne abnimmt. „Die moderne Gesellschaft ist unglaublich vielfältig geworden. Es gibt so viele Ressourcen und Selbstverwirklichungsmöglichkeiten, dass Religion und Kirche immer mehr ein Bereich unter vielen wird“. Sei man früher noch in die Kirche gegangen, um sich Konzerte und Chöre anzuhören, so könne man sich seine Lieblingsmusik nun in diverse Apps oder im Internet anhören. Durch städtische und private Sportvereine würden sich die Sportangebote der Kirche erübrigen. Das Gemeinschaftsgefühl durch Gruppenstunden und Gottesdienste lasse sich längst in unzähligen Interessengruppen oder anderen Vereinigungen erleben.

Moderne versus Kirche

Die Alternativen, welche die Moderne bietet, fehlen Michelle auch in der Lebensanschauung der katholischen Kirche. Sie „gibt vor, wie wir denken sollen. Es gibt nur einen richtigen Weg, wie man zu leben hat. Die glückliche Familie mit Mutter, Vater und Kind, die sonntags gehorsam in die Kirche geht. Und alles drumherum ist nicht das, was dem Bild der Kirche entspricht“. Dieses Ideal halte die junge Frau für „verstaubt“. Die katholische Kirche habe die moderne Gesellschaft verloren.

Pater Daniel ist anderer Auffassung. „Ich sehe keinen Widerspruch zwischen moderner Gesellschaft und Kirche.“ Er und die anderen Patres, würden den Gottesdienst mit den jungen Menschen und der Gemeinde gemeinsam vorbereiten. „Ich erlebe die Kirche hier vor Ort nicht als Gegensatz zur Gesellschaft, sondern als ein Teil von ihr“. Professor Pollack bestätigt, dass sich die Kirche mittlerweile stark gewandelt habe. „Die Kirche hat seit dem zweiten Vatikanischen Konzil eine 180-Grad Wende gemacht.“ Während sie früher in fast allen Bereichen des menschlichen Lebens klare Vorschriften gemacht hat, vertraue sie heute in die Mündigkeit und Autonomie des Menschen. Um diesen Wandel zu merken, müsse man aber auch in den Gottesdienst gehen. Und das tue kaum noch jemand, weil es heute zu viele reizvolle Alternativen gebe.

Glücklich auch ohne Kirche

Professor Pollack ist sich sicher, dass die Kirche weiterhin an sozialer Relevanz und Mitgliedern verlieren wird. „Die Prozesse der Modernisierung, Technisierung (…) und Individualisierung sind stärker als die Kirche. Dort, wo die Moderne Fuß fasst und an Eigendynamik gewinnt, verlieren Religion und Kirche.“ Dennoch werde sich die Institution Kirche voraussichtlich nie ganz auflösen, sondern im kleinen Kern bestehen bleiben. Ein Kern, zu dem Michelle nicht vor hat zurückzukehren. „Ich werde meine Entscheidung nicht bereuen oder rückgängig machen“. Sie sei sich der Konsequenzen ihres Austritts bewusst. Nun könne sie nicht Patentante ihres Neffen werden. Das sei aber nicht schlimm. „Ich muss keine offiziell von der Kirche beglaubigte Patentante sein. Ich werde auch so eine gute Tante sein.“

Ein Bericht von Jonas Vienken