Bildunterschrift: Die Krippe in der Kapelle von Haus St. Rafael. Foto: Milica Markovic
Im Wohnheim für Menschen mit Behinderungen wird Weihnachten gefeiert. Bewohner und Betreuer wie Julia Monecke erleben schöne Momente – aber auch Zeitdruck und Personalmangel.
Eine Reportage von Milica Markovic
Es ist Heiligabend im Haus St. Rafael in Gelsenkirchen. Die Wohngruppe vier hat sich zuvor zum Kochen in der Küche versammelt, und nun sitzen alle gemeinsam an den Tischen und reden über Weihnachten. Es läuft eine Rock-Christmas-CD, und ab und zu unterbricht das Blubbern des Wasserkochers die Gespräche. Zwischen Erdbeerkuchen und Schneemann-Servietten flackern elektrische Kerzen und tauchen den Raum in warmes Licht. Auf den Fensterbänken sitzen kleine graue Wichtel, rote Holz-Rentiere und Engel. An der Wand hängt ein selbstgemachter Adventskalender. Der Weihnachtsmann hält 24 Filztüren mit Schokolade für jeden Bewohner. Laut Plan kam Annalena heute zum Zug.
„Mir ist wichtig, dass die Bewohner wissen, dass Weihnachten ist. Dass man auch am Wohnheim merkt, dass etwas anders ist“, sagt Betreuerin Julia Monecke.

Betreuerin Julia Monecke. Foto: Milica Markovic
Eine Person mehr
Nach der Kuchenpause ziehen sich die Bewohner in ihre individuell eingerichteten Zimmer zurück. Das Gemeinschaftswohnzimmer bleibt belebt: eine große braune Couch, Fotos von Freunden und Familie an den Wänden, daneben ein geschmückter Weihnachtsbaum. Eine Bewohnerin bittet Julia um ein Foto vor dem Baum. Kurz zuvor hat sie einer anderen beim Toilettengang geholfen, zwischendurch brauchte jemand einen Rat. Gleich steht der Gottesdienst an. Julia meint: „Der Zeitdruck, der dir von den strukturellen Gegebenheiten auferlegt wird, ist oft anstrengend. Wir könnten für alles eine Person mehr gebrauchen, aber das ist nicht leistbar. Nicht finanzierbar.“ Die 43-Jährige ist Heilerziehungspflegerin von Beruf und arbeitet seit über zwanzig Jahren im Wohnheim. Als stellvertretende Einrichtungsleitung koordiniert sie unter anderem Dienstpläne, leitet Mitarbeiter an und gestaltet den Alltag der Bewohner mit.
Gottesdienst in der Kapelle
Viele der Menschen im Wohnheim sind christlichen Glaubens und wenden sich in schweren Zeiten an Gott. Heute, an Heiligabend, kommen sie zum Gottesdienst zusammen. In dem kleinen Raum steht eine große Krippe im Mittelpunkt, am Eingang erinnern Schwarz-Weiß-Fotografien an verstorbene Hausbewohner. Nach und nach kommen auch Verwandte und Freunde in den Raum. Man hört Husten und leise Gespräche, deren Inhalt man nicht zuordnen kann. Dann werden Karten mit den Texten von bekannten Weihnachtsliedern verteilt und das Licht allmählich gedimmt.
„Ich habe Angst“, sagt eine Bewohnerin. Betreuerin Angelina tröstet sie, während Ralf, der Mitarbeiter in der Seelsorge, beginnt zu erzählen. Er erzählt von Maria und Josefs Weg nach Betlehem und gibt der Geschichte das Motto: „Ein Funke Mut.“ Es folgen einige Gebete, wie das Vaterunser, und zum Schluss wird noch gemeinsam gesungen. Lieder wie „Stille Nacht“ und „O du fröhliche“ ertönen als Karaoke-Version aus den Lautsprechern. Einige singen ganz laut und schief, andere nicken im Rhythmus. Nach der Gesangseinlage geben sich viele der Bewohner die Hand und wünschen sich ein frohes Fest. Beim Hinausgehen bekommen alle noch Butterkekse geschenkt.
Weihnachtsessen
Zum Essen tun sich jeweils zwei Wohngruppen zusammen. Die Tische sind in Weiß gedeckt, auf ihnen liegen gebrannte Mandeln, die sich einige Bewohner teilen. Es läuft „Feliz Navidad“, einige tanzen, andere singen mit, und die Betreuer verteilen Softdrinks. Es riecht nach Gulasch mit Rotkohl und Klößen, dem Gericht, das die Gruppe heute Mittag vorbereitet hat. Während sie gespannt auf das Essen warten, liest Sarah eine Geschichte vor. Sie handelt von einem kleinen Stern, der lernt, an sich zu glauben und sein Licht zu teilen. Als sie endet, ist es kurz still, dann klatschen alle und rufen: „Sarah, super!“
Einer Bewohnerin fällt derweil der neue Schmuck von Betreuerin Angelina auf: „Hast du etwas neue Ohrringe? Schick, schick“, sagt sie lächelnd. Kleine grüne Christbaumkugeln baumeln an ihren Ohren.
Als schließlich das Essen kommt, stoßen sie an, sie lachen, sie reden über bevorstehende Geburtstage und freuen sich auf die Bescherung. Doch bevor es so weit ist, gehen die Betreuer noch einmal herum, um Medikamente zu verteilen.
Bescherung und Dankbarkeit
Zwischen Weihnachtsklassikern und dem Rascheln von Geschenkpapier hört man die aufgeregten Stimmen einiger Bewohner:
„Guck mal, wie toll, meine neue Tasche!“, sagt eine von ihnen, während andere ganz ruhig ihr neues Radio begutachten. Julia meint: „Die Bewohner genießen das immer. Alles, was man für sie macht, nehmen sie dankbar an.“
Nach der Bescherung bedanken sich die Bewohner bei den Betreuern: „Julia, Angelina, auf euch, ihr seid dufte!“, rufen sie aus. Monecke erklärt später, dass Weihnachten im Wohnheim viel harmonischer ablaufe als man es von zuhause gewohnt sei. Es gebe keinen Weihnachtsstress oder angenervte Familienmitglieder. „Es herrscht immer eine angenehme und friedliche Atmosphäre. Ich bin sehr gern an Heiligabend hier.“ Und während draußen längst alles dunkel ist, bleibt das Licht hier noch eine Weile an.

Wohngruppe 3 und 4 beim Weihnachsessen. Foto: Milica Markovic


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