Bildunterschrift: Hebamme Sarah Sterl in ihrer Praxis in Essen-Holsterhausen. Der neue Hebammenhilfevertrag stellt ihre Arbeit vor große wirtschaftliche Herausforderungen. Foto: Cynthia Benninghofen
Mehr Geld, aber neue Risiken: Der neue Hebammenhilfevertrag soll entlasten, doch viele Hebammen wie Sarah Sterl fürchten um ihre Existenz.
Ein Bericht von Cynthia Benninghofen
Der neue Hebammenhilfevertrag soll die Arbeit von Hebammen aufwerten. In der Praxis stößt er jedoch auf massive Kritik. Hebamme Sarah Sterl aus Essen-Holsterhausen warnt: „So, wie der Vertrag jetzt gestaltet ist, kann ich meinen Beruf langfristig nicht ausüben.“
Was sich mit dem neuen Vertrag ändert
Über den neuen Hebammenhilfevertrag entschied im April 2025 eine Schiedsstelle, nachdem jahrelange Verhandlungen zwischen dem Deutschen Hebammenverband und dem GKV-Spitzenverband gescheitert waren. Seit dem 1. November 2025 ist der Stundensatz freiberuflicher Hebammen um rund 33 Prozent gestiegen – von 56 auf 74 Euro. Ziel des Vertrags ist es, die Eins-zu-eins-Betreuung unter der Geburt stärker zu fördern. Hebammen erhalten eine höhere Vergütung, wenn sie eine Frau während der Geburt durchgehend betreuen. Gleichzeitig wurde die Abrechnung umgestellt: Statt fixer Pauschalen gilt nun eine zeitbasierte Vergütung in 5-Minuten-Einheiten, Einzelleistungen werden gebündelt. Auch die außerklinische Geburtshilfe, etwa Hausgeburten, sollen finanziell gestärkt werden.
Kritik aus der Praxis
Was nach Entlastung klingt, sorgt bei vielen Hebammen für neue Sorgen. Wochenbettbesuche werden nicht mehr pauschal, sondern minutengenau im Fünf-Minuten-Takt abgerechnet. Um auf das frühere Honorar zu kommen, müsse sie rund 40 Minuten bei einer Familie bleiben, sagt Sterl. „Faktisch wurde mein Stundenlohn gekürzt.“ Zuvor habe sie Familien häufiger, dafür kürzer besucht, fachlich sinnvoll und flexibel. Diese Arbeitsweise sei nun kaum noch möglich. Sterl fürchtet, dass der neue Vertrag falsche Anreize setzt: „Ich habe nicht jeden Tag eine Stunde fachlich Neues zu erklären. Trotzdem muss ich bleiben, um die Zeit vollzukriegen.“
Krankenkassen sehen Fortschritte
Der GKV-Spitzenverband verweist dagegen auf Verbesserungen: Das Vergütungsniveau steige, besonders die Eins-zu-eins-Betreuung während der Geburt werde deutlich besser bezahlt. Ziel seien bessere Arbeitsbedingungen und mehr Qualität in der Versorgung.
Studie warnt vor Versorgungsrisiken
Die HebammenStudie 2025 der opta data Zukunfts-Stiftung zeigt eine angespannte Lage: 43,64 Prozent der befragten Hebammen denken über einen Berufswechsel nach, 57,21 Prozent blicken pessimistisch in die Zukunft ihres Berufs. Hauptgründe sind unzureichende Bezahlung, hohe Bürokratie und starke Belastung. Für Linda Kaiser, Sie ist Leiterin für Wissenschaft und Kommunikation bei der opta data Zukunfts-Stiftung und seit vielen Jahren Dozentin an der FOM Hochschule für Ökonomie & Management, mit einem Schwerpunkt auf wissenschaftlicher Arbeit und Wissensvermittlung im Gesundheitswesen, ist das ein ernstes Warnsignal. „Diese Zahlen deuten nicht nur auf Unzufriedenheit hin, sondern auf reale Versorgungsrisiken“, sagt sie – vor allem vor dem Hintergrund von Klinikschließungen und zunehmender Zentralisierung. Personalmangel gefährde die Betreuungskontinuität und mache die in Leitlinien geforderte Eins-zu-eins-Betreuung schwer umsetzbar. Einen Zusammenhang mit dem neuen Hebammenhilfevertrag sieht Kaiser deutlich. Zwar verspreche er strukturelle Verbesserungen, doch die umstrittene Vergütungs- und Abrechnungslogik sowie der hohe bürokratische Aufwand erhöhten aus ihrer Sicht den Druck auf Hebammen weiter. „Eine Ausstiegsbereitschaft in dieser Größenordnung ist für das Gesundheitssystem und unsere Gesellschaft ein absoluter Stress-Test. “, so Kaiser.

Bildunterschrift: Zwischen Kursmaterialien wie Medizinbällen: Sarah Sterl musste Rückbildungskurse streichen, weil Zusatz- und Ausfallgebühren nicht mehr erlaubt sind.
Sterl zählt sich inzwischen zu denen, die über einen Berufswechsel nachdenken. „Ich liebe diesen Beruf“, sagt sie. Sie ist 39 Jahre alt, Mutter einer Tochter, ausgebildet in einem Bochumer Perinatalzentrum mit rund 1300 Geburten jährlich. Doch sie gehört inzwischen zu denen, die ans Aufhören denken. „Engagement allein reicht nicht“, sagt sie. „Ich brauche Planungssicherheit – für mich und mein Kind.“


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