Bildunterschrift: Claudia zeigt den Kindern Fotos von ihrer Familie. Foto: Teresa Booms

Claudia Dennemark-Effert redet in ihrem Programm schon frühzeitig mit Kindergartenkindern über die Themen Tod und Trauer. Sie kämpft immer wieder gegen den Widerstand seitens der Eltern bei dem Thema und versucht sie von den Vorteilen des Projektes zu überzeugen.

Eine Reportage von Teresa Booms

Wir betreten die Turnhalle des Kindergartens Schatzkiste in Lüdenscheid. Man hört aus den Gruppenräumen bereits gedämpftes Kindergeschrei. Die Turnhalle hat einen gelben Hallenboden, lange Holzbänke, Matten und eine Sprossenwand. Es riecht nach Kunststoff und Holz. Vorne ist eine Art Podest wo Claudia Dennemark-Effert und ihre heutige Unterstützung Marliese Lüling alle Materialien abstellen. „Wir müssen noch einiges vorbereiten, bis die ersten Kinder kommen. Heute haben wir etwas Besonderes vor“, sagt Claudia. Denn heute geht es um das Thema „Abschied nehmen“. Claudia arbeitet als Trauerbegleiterin in der Arche Lüdenscheid und hat das Konzept zur Trauer Prävention bei Kindergartenkindern 2021 entwickelt, um Kinder schon möglichst früh mit dem Thema „Abschied nehmen“ in Berührung zu bringen.

Noch ist es trubelig 
Claudia und Marliese legen blaue und knallig grüne Sitzkissen in einem Halbkreis vor dem Podest aus. Plötzlich werden die Kinderstimmen lauter und 15 Kinder stürmen zur Tür herein. In ihren bunten Kleidern suchen sie sich schnell eines der Sitzkissen aus. In den Händen eine kleine Holzkiste: „Wir haben unsere Schatzkisten mitgebracht“, sagen die Kinder mit freudigem Gesichtsausdruck. Nach jeder Stunde mit Claudia bekommen die Kinder einen kleinen Gegenstand passend zum jeweiligen Tag, den sie dann in der Schatzkiste sammeln können. Was es heute wohl gibt.

Sterben in der Natur
Es ist noch etwas unruhig im Raum „So jetzt Mund zu und Ohren auf“, sagt Claudia. Dabei schaut sie mit einem gelassenen, aber mahnenden Blick in die Runde und hält ihren Finger auf die Lippen, um zu signalisieren, dass die Kinder leise werden sollen. Alle werden ruhig. „Wer weiß denn noch, was wir zu Beginn immer machen?“ Ein Kind ruft „Schwungtuch“ und lacht dabei. Das Mädchen hat Recht, alle dürfen direkt wieder aufstehen und das große bunte Schwungtuch kommt zum Einsatz.

Alle dürfen kreativ werden. Foto: Teresa Booms

Jeder hält sich an einem Stück des runden blau gelb grün roten Tuches fest. Jetzt sagen alle einmal ihren Namen und worauf sie sich freuen. Dann wird das Tuch kräftig geschüttelt, dabei lassen manche Kinder ihre ganze Kraft raus, schütteln die Arme und grinsen breit. Nach diesem Ritual setzen sich alle wieder auf ihr Sitzkissen und es geht los. Heute geht es besonders um das „Sterben in der Natur“. Durch Themen, wie „das Sterben in der Natur“ führt Claudia langsam an das schwierige Thema Trauer heran. 

Woran erkennt man, dass etwas alt ist?
Claudia nimmt eine Stoffpuppe mit einer orange gestreiften Hose, einer grauen Sweatjacke und zerzausten Haaren in die Hand und fängt an mit der Puppe zu sprechen. Die Kinder kennen die Puppe schon und rufen „Lilly“. „Soll Lilly mal in unseren Beutel schauen, was wir heute so mitgebracht haben?“, fragt Claudia. Ein Mädchen starrt gespannt nach vorne, ein anderer Junge hat die Augen weit geöffnet und sieht erwartungsvoll aus. „Lilly“ holt eine vertrocknete Sonnenblume aus der Tasche. „Was ist das denn?“, fragt Claudia mit erstauntem Blick. Die Kinder rufen: „Eine Blume ist das, eine Sonnenblume.“ Claudia fragt: „Und wieso ist die nicht mehr gelb?“ Mehrere Kinder sagen im Chor: „Die ist getrocknet.“ „Ist das vielleicht etwas Altes?“, fragt Claudia. Ein Mädchen ruft mit schmunzelndem Lächeln „Ja, so wie eine alte Oma oder ein alter Opa. Die sind schrumpelig.“

Alle Hände sehen anders aus. Foto: Teresa Booms

„Genau, da hast du Recht.“ Claudia lacht und steht auf, um sich auf dem Boden hinzuknien. Jetzt sollen alle ihre Hände in die Mitte legen und schauen, wie sie sich unterscheiden. Alle knien sich hin, beugen sich vor und legen die Hände in einem Kreis vor sich. Die Kinder bemerken, dass die Hände der Erzieherinnen Bianca Mastrogiorgio und Stephanie Hoffmann schon älter aussehen als ihre Hände und auch Claudias und Marlieses Hand sind schon „schrumpeliger“. Daraufhin zeigt Claudia Fotos von ihrer Familie, wo ihre Kinder und ihre Eltern drauf sind. Sie sieht glücklich aus und erklärt, wie die verschiedene Genrationen verbunden sind, aber erzählt auch, dass die Omas und Opas irgendwann sterben müssen. Bald steht ein Besuch zum Friedhof an, davon sind manche Eltern nicht begeistert. Claudia ist wichtig zu sagen: „Das ist ein Konzept, indem die Abschiedskompetenz der Eltern und Kinder gefördert werden.“ Auch mit den Eltern finden eine regelmäßige Absprache und Reflexion über das Programm statt.

Jetzt wird gemalt
Jetzt sollen die Kinder selbst aktiv werden und einen jungen und einen alten Baum malen. Dunkelblaue, mit Farbe beschmierte Plastikdecken werden als Malunterlage auf dem gelben Hallenboden ausgelegt. Es riecht nach Farbe, Plastik und Wachsmalstiften. Jedes Kind bekommt noch ein weißes Blatt Papier und mehrere kleine Plastikkörbe mit bunten Wachsmalstiften stehen bereit. Bevor alle drauf los malen fragt Claudia nochmal, wie denn ein junger und ein alter Baum aussehen würden. Erwartungsvoll schaut sie die Kinder an. Alle sind sich einig, dass ein junger Baum grüne Blätter und ein alter Baum braune Blätter oder nur Äste hat. Während die Kinder malen, sagt Claudia: „Manche Eltern stehen dem kritisch gegenüber, dass Kinder mit Trauer in Berührung kommen. Aber dann suchen wir den Austausch. Die Eltern glauben ihre Kinder zu schützen, doch das Gegenteil ist der Fall.“ Claudia sagt, in ihrer magischen Welt würden die Kinder denken, dass das Thema etwas Schlimmes sein müsse, wenn ihre Eltern nicht mit ihnen darüber reden wollten.  

Es sind verschiedene großartige Bilder entstanden. Foto: Teresa Booms

Viktoria ist als erste fertig und zeigt stolz ihr Bild: „Das ist ein junger Baum und daneben ist ein alter Baum und dazwischen ist ein Herz. Das verbindet die beiden Bäume.“ Die Erzieherinnen Stephanie und Bianca haben bereits vorher von jedem Kind ein Babyfoto eingesammelt. Diese Fotos werden jetzt noch mit Klebestift und Tesa auf die gemalten Bilder geklebt, dann kommt noch der Name drauf und fertig. Nach dem Malen sagt ein Mädchen, Daphne: „Erstmal müssen wir jetzt unser Kind sein genießen.“ Claudia schaut überrascht und stimmt ihr zu. „Genau, wir genießen jeden Moment“, sagt sie. 

Der Schatz kommt zum Schluss
Zurück im Sitzkreis sagt Claudia mit ruhiger Stimme: „Jung und Alt, Leben und Sterben gehört zusammen, das ist ganz natürlich. „Jetzt bekommt ihr noch jeder ein Blatt von Marliese für eure Schatzkiste.“ Jedes Kind bekommt zum Abschluss ein unterschiedliches kleines braunes Blatt. Damit hat die erste Gruppe heute es schon fast geschafft. Zum Abschied stehen alle auf und singen zusammen ein Lied zudem sie passende Bewegungen machen. Danach wird nochmal das Schwungtuch zur Hand genommen, alle dürfen sagen, was ihnen heute gefallen hat und dann wird wieder kräftig geschüttelt. Zum Abschied klatschen Claudia und Marliese alle Kinder an der Tür ab. 

Marliese und Claudia erklären spielerisch die nächste Aufgabe. Foto: Teresa Booms

Ein gelungener Tag
Nachdem die Gruppe den Raum verlassen hat, kommen Stephanie und Bianca nochmal wieder für eine kurze Reflektion. Sie hatten eine Woche vorher eine Schulung zur Trauerprävention mit Kindern. Diese Schulungen macht die Arche Lüdenscheid jetzt, damit auch die Erzieherinnen und Erzieher besser mithelfen können und auch im Kindergartenalltag gut auf das Thema reagieren können. Stephanie Hoffmann sagt: „Mir hat die Schulung Sicherheit gegeben, jetzt bin ich auch dabei und beobachte nicht nur.“ Alle sind sich einig, dass der Tag gut gelaufen ist.