Bildunterschrift: Viele Niederländerinnen und Niederländer fahren nach Deutschland, um günstiger zu tanken. Foto: Lena Verbeek
Der grenzüberschreitende Tanktourismus zwischen Deutschland und den Niederlanden prägt seit Jahren das Bild in den Grenzregionen. Während deutsche Tankstellen von günstigeren Spritpreisen profitieren, geraten viele niederländische Betriebe zunehmend unter Druck.
Ein Bericht von Lena Verbeek
Gespräche mit Mitarbeitenden beider Seiten zeigen, wie unterschiedlich die Auswirkungen des Grenzhandels sind. Die Preise in beiden Ländern unterscheiden sich deutlich. Laut Statista lag der niederländische Durchschnittspreis von Superbenzin im September 2025 bei 1,94€/l. In Deutschland hingegen kostete Superbenzin zur gleichen Zeit 1,66€/l. Das ist ein Unterschied von fast 17%, bei dem es sich für viele Niederländerinnen und Niederländer lohnt nach Deutschland zu fahren, um zu tanken.
Rückgang bei niederländischen Tankstellen
Eine Tankstellenmitarbeiterin im niederländischen Venlo berichtet von deutlichem Kundenrückgang seit zehn Jahren. Sie möchte anonym bleiben, um potenzielle Mitarbeiter nicht zu verschrecken. In der Zeit davor habe sich die Kundschaft noch gleichmäßig aus deutschen und niederländischen Autofahrern zusammengesetzt. Heute seien es jedoch fast ausschließlich niederländische Kunden, die dort tanken. „Wir haben noch ein paar Stammkunden aus Venlo und Velden, aber die meisten kaufen dort, wo sie es billiger kriegen“, erklärt die Mitarbeiterin. Aufgrund der höheren Steuern auf Kraftstoff in den Niederlanden sieht sie ihre Tankstelle im klaren Nachteil und kann nicht garantieren, wie lange der Betrieb noch bestehen kann. Nach Berechnung der Branchenverbände BOVAG und NOVE wurden in den Niederlanden im Februar 2014 18% weniger Benzin und sogar 39% weniger Diesel als im Februar 2013 verkauft.
Deutsche Tankstellen als Profiteure
Auf der deutschen Seite der Grenze zeigt sich ein gegensätzliches Bild. Ein Mitarbeiter einer Tankstelle Kleve arbeitet seit rund 30 Jahren in der Tankstellenbranche. Nach seiner Einschätzung stammen etwa 60 bis 70 Prozent seiner Kunden aus den Niederlanden. Er möchte anonym bleiben; „Ich möchte meine Kollegen in anderen Betrieben nicht in die Pfanne hauen, weil es bei uns gerade gut läuft“.
Dass viele niederländische Autofahrer nach Deutschland fahren, um zu tanken, sei kein neues Phänomen. Bereits seit rund 25 Jahren ist Kraftstoff in Deutschland günstiger als in den Niederlanden, so der Mitarbeiter aus Kleve. Davor habe sich der Tanktourismus in die andere Richtung entwickelt. Hauptgrund dafür sei der dauerhafte Steuervorteil Deutschlands.
Steuern machen den Unterschied
In Deutschland entfielen laut Statista im Jahr 2025 61,1 Prozent des Verbraucherpreises von Superbenzin Steuern und Abgaben. In den Niederlanden sind es laut Prix Carburant 64,5% des Benzinpreises. Es gibt gewisse Vorgaben, wie Energie-, Mehrwert- oder CO2-Steuern, die immer anfallen aber letztendlich den bestimmt jede Tankstelle den Benzinpreis selbst. Gerade in Grenzregionen kalkulieren die Tankstellen ihre Preise sehr aggressiv, um Kunden aus dem Nachbarland anzulocken.
Langfristig ein fairer Wettbewerb
Den Grenzhandel bewertet der deutsche Mitarbeiter weder eindeutig positiv noch negativ. „Fair für die Verkäufer ist relativ. Die Leute fahren dorthin, wo es günstiger ist“, sagt er.
Andreas Tholund, Sprecher der JET-Tankstellen in Deutschland, behauptet, dass Preisdifferenzen in grenznahen Regionen immer wieder dazu führen, dass Verbraucherinnen und Verbraucher andere Tankstellen nutzen. Die Wahl der Einkaufsstätten sei aber nur vorübergehend und ändere sich mit den Preisen im Verlauf der Zeit, so Tholund. Dieses Verhalten lässt sich auch bei anderen Produkten wie Kaffee oder Tabak beobachten.
Unterschiedliche Sicht auf eine Preisangleichung
Während die niederländische Mitarbeiterin eine EU weite Angleichung der Spritpreise befürwortet, sieht der deutsche Mitarbeiter diese kritisch. Vor allem große Tankstellenketten wie Aral oder Shell würden von einheitlichen Preisen profitieren, da sie Kraftstoff in großen Mengen einkaufen und dafür runtergerechnet weniger bezahlen. Für kleine und familiengeführte Tankstellen könne eine solche Angleichung dagegen existenzbedrohend sein, so der deutsche Mitarbeiter.
Lage bleibt erstmal ähnlich
Der Tanktourismus an der deutsch-niederländischen Grenze verdeutlicht, wie stark Preisunterschiede das Kaufverhalten beeinflussen. Während viele deutsche Tankstellen von der Situation profitieren, geraten niederländische Betriebe unter wirtschaftlichen Druck. Politische Lösungen wie eine EU-weite Preisangleichung werden von den Betroffenen unterschiedlich bewertet.
Solange sich die steuerlichen Rahmenbedingungen und Preisniveaus beider Länder deutlich unterscheiden, bleibt der grenzüberschreitende Tankverkehr ein fester Bestandteil des Alltags in der Region. Für Autofahrende ist er eine Möglichkeit zu sparen, für Tankstellen auf beiden Seiten der Grenze ein wirtschaftlicher Faktor, der über Erfolg oder Existenz entscheiden kann.

Die Diesel Preise in Deutschland waren im September 2025 durchschnittlich 0,12€/l günstiger als in den Niederlanden. Foto: Lena Verbeek


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