Bildunterschrift: Levi alias bluejeans im Essener Südviertel. Sein Alltag, seine Kulisse für Musik und Social-Media-Content. Foto: Sebastian Franz

Levi alias bluejeans will von Musik leben, nicht von Likes. Ein Videodreh in seinem Viertel zeigt den Druck einer Industrie, die Aufmerksamkeit belohnt.

Eine Reportage von Cynthia Benninghofen

Levi dreht sich eine Zigarette, während sein Kameramann Sebastian Franz, ein guter Freund, schon ein paar Meter weitergeht. „Warte kurz“, ruft Levi. Er bleibt stehen, rollt das Papier zwischen den Fingern, schiebt den Filter nach. Neben uns hält Sebastian die Kamera ruhig, prüft den Bildausschnitt. Das Video soll später auf Instagram landen. Es ist früher Nachmittag im Essener Südviertel. Die Straßen sind voll. Es nieselt. Grau. Kalt. Aus einem geöffneten Fenster zieht der Geruch von gekochtem Mittagessen auf die Straße. Schwer, würzig. Vielleicht Gulasch.

Zwischen Person und Persona
Er möchte öffentlich nur seinen Vornamen nennen. Mehr möchte er nicht preisgeben. 
Als Rapper ist er unter dem Namen bluejeans bekannt – eine Anlehnung an seinen Vornamen Levi und inspiriert von der Jeansmarke Levi’s. „Ein bisschen Anonymität tut gut“, sagt er lächelnd. Gerade in einer Branche, die von Öffentlichkeit lebt. Levi ist 22 Jahre alt, leidenschaftlicher Musiker. Seinen ersten Song veröffentlichte er vor drei Jahren. Er zieht ein Feuerzeug aus der Tasche. Ein trockenes, mechanisches Reibgeräusch. Das typische Knacken des Rads, dann zündet die Zigarette. Er atmet ein. Langsam. Kontrolliert. Sebastian filmt. Bleibt stehen. Geht rückwärts. Fängt Levi im Gehen ein. Levi wirkt ruhig. Freundlich. Nachdenklich. Er trägt eine hell gewaschene blaue Jeans, schwarze Doc Martens, Die Cap tief ins Gesicht gezogen. Eine schwarze dicke Jacke, passend für die kälte.

Ein Viertel, das bleibt

Wir gehen los. Nicht ziellos, sondern entlang der Orte, die Levi mit Heimat verbindet, und später im Video zusehen sein werden. Authentisch wirken. Echt bleiben,. Trotzdem performen. An einem Jugendzentrum bleibt er stehen. Regen perlt von den großen Fenstern. „Hier haben wir früher rumgehangen, gerappt, Musik gehört. Einfach Zeit totgeschlagen.“ Ein paar Straßen weiter eine Graffiti-Hauswand. Der Kameramann bittet ihn, stehen zu bleiben. Levi stellt sich links vor dem Fenster, Hände in seiner Jackentaschen. Zwölf Jahre hat er Klavier gespielt. Klassischer Unterricht, Noten, Disziplin. „Musik war immer da“, sagt er. „Rap kam später. Das war wie… Therapie für mich.“

Levi alias bluejeans hat seit seinem ersten Song vor drei Jahren stand er bereits über 15 Mal auf der Bühne. Foto: Sebastian Franz

Haltung statt Hype
Levi bezeichnet sich selbst als „linksversifften Rapper“. Nicht ironisch. Seine Texte sind politisch, persönlich, direkt und ehrlich. Er tritt auf Demonstrationen auf, nicht nur auf Bühnen. Musik ist für ihn Haltung. Gleichzeitig weiß er, dass Haltung allein heute nicht reicht. „Ich will kein Influencer sein“, sagt er. „Aber sichtbar sein muss ich trotzdem.“ Die Realität der Branche ist eindeutig: Musik ist längst Marketinginstrument. Studien zeigen, dass Musik auf Social Media gezielt eingesetzt wird, um Emotionen zu erzeugen, Marken zu stärken und Aufmerksamkeit zu binden. Besonders Kurzformate dominieren den Markt. Laut einer aktuellen Analyse von Music Watch entdecken 68 Prozent der Nutzer neue Musik über kurze Videos auf Plattformen wie TikTok, Instagram Reels oder YouTube Shorts.

Konsum, Kontrolle und Konsequenzen

„Rap war für mich damals der einzige Job, wo ich konsumieren und gleichzeitig arbeiten konnte“, sagt Levi offen. Alkohol, Gras – lange gehörte das dazu. „Eine halbe Stunde Music Session, dann waren zwei Bier drin. Am Ende war’s nur noch Party.“ Die Musik blieb liegen. Erst der Wunsch, wirklich etwas rauszubringen, änderte alles. „Ich habe aufgehört zu smoken. Komplett. Und vor drei Jahren aufgehört zu saufen.“ Musik wurde Struktur. Seine Entscheidung steht im Kontrast zur Branche: Eine große Inhaltsanalyse populärer Musik zeigt, dass Substanzkonsum besonders im Rap häufig positiv dargestellt wird – oft verknüpft mit Erfolg, Gemeinschaft oder Spaß. Kritische Perspektiven fehlen fast vollständig. Levi will das nicht reproduzieren. Mit diesem Vierzeiler gewann er einen Contest:

„Ich will kein Influencer sein, aber leben von Musik

Ihr schreit, die kommen hier nicht rein und denkt dann, ihr macht Politik

Fühl mich jedes Jahr aufs Neue so, als wär das grad mein Peak

Doch kämpfe täglich mit mir selber, in meinem Kopf herrscht kalter Krieg“

Der Kameramann Sebastian hält drauf. Levi sagt die Zeilen ruhig. Blick in die Kamera.

Zwischen Bühne, Alltag und Familie

Plötzlich winkt jemand aus einem Fenster. Levi schaut hoch, lächelt. „Meine Mutter“, sagt er. Levi winkt glücklich zurück. „Die waren immer stolz auf mich.“ Auch dann, wenn seine Musik chaotisch war. Auch dann, wenn sie sich Sorgen gemacht haben. Diese Unterstützung trägt ihn. Levi hat eine Ausbildung als Zimmermann abgeschlossen, arbeitet heute als Bühnentechniker am Theater in Essen. Musik ist noch kein Beruf, aber längst mehr als ein Hobby. Er spricht über das Geld, was er investiert, für zum Beispiel Zeit im Studio 50 € oder 30€ für Beats.

Langsam wachsen

Dass es Menschen gibt, die seine Musik hören, ist für Levi mehr als Statistik. „400 Menschen – wenn man sich vorstellt, die würden hier alle stehen. Das ist krank viel. Online verschwimmen Zahlen schnell. Likes, Views, Reichweite. Wir haben gar keinen Bezug mehr dazu“, sagt Levi, während wir auf einer Bank sitzen. „Ich würde safe auch Musik machen, wenn das niemand hören würde. Ich würde sie trotzdem rausbringen.“ Musik sei kein Job, sondern ein Zustand. „Es gibt keinen Moment, in dem ich mich so wohlfühle, wie wenn ich im Studio bin oder auf einer Bühne stehe und Leuten meine Musik zeige.“ Deshalb warnt er davor, Musik nur als Karriere zu begreifen. „Wenn man das nicht wirklich für sich macht, geht man daran kaputt.“ Likes, Lob, Reichweite – all das reiche nicht aus, wenn das Feuer fehlt laut Levi. „Wenn du keinen Spaß am Machen hast, bringen dir auch 100.000 Likes nichts.“  Sebastian filmt noch einmal ein Outro. Levi zieht an der Zigarette, atmet ein, dann langsam aus. Der Rauch verliert sich im grauen Südviertel.