Bildunterschrift: Die Stationen des U-Bahn-Tunnels in Gelsenkirchen zeigen Kunstwerke mit Bezug zur Stadt. Ausgenommen der Haltestelle „Bismarckstraße“ der Linie 301. Foto: Kira Komisarek

Der Straßenbahntunnel in Gelsenkirchen verbindet Stadtteile Gelsenkirchen-Mitte, über den Stadtteil Schalke bis nach Gelsenkirchen-Bismarck. Zugleich ist der Tunnel ein Schauplatz für ein unterirdisches Kunstprojekt. 

Ein Bericht von Kira Komisarek und Lena Verbeek  

Die U-Bahn-Stationen der Linie 301 und 302 von „Gelsenkirchen Hauptbahnhof“ in Gelsenkirchen-Mitte bis „Trinenkamp“ in Gelsenkirchen-Bismarck zeigen unter anderem selbstgezeichnete Wandbilder, Mosaike und Ausstellungen. Die U-Bahn-Stationen wurden von ausgewählten Künstlerinnen und Künstlern individuell gestaltet. Jedes Werk besteht aus mehreren Teilbildern, die die Tunnelwände der Haltestellen zu einem Gesamtkunstwerk machen. Für viele Durchreisende sind die Haltestellen Alltag. Für die Stadt aber sind sie ein durchgeplantes Projekt mit Geschichte.

Kunstwerke als Spiegel 
Die Haltestellen „Trinenkamp“ in Bismarck bis „Leipziger Straße“ in Schalke werden ausschließlich durch die Linie 301 befahren. Von der Station „Musiktheater“ bis zum Hauptbahnhof teilen sich die Linien 301 und 302 die Tunnelstrecke. Sechs der insgesamt sieben U-Bahn-Stationen spiegeln Merkmale ihres Standorts und der Geschichte der Stadt künstlerisch wider. Unter dem Gelsenkirchener Musiktheater findet man zum Beispiel Wandbilder, die der damalige Bühnenbildner des Theaters gestaltet hat. „Dort abgebildet sind Szenen aus den Stücken, die in den 1990er-Jahren aufgeführt worden sind“, so Thorsten Dahlmann, Teamleiter im Referat für Ingenieurbau und Stadtbahn der Stadt Gelsenkirchen, über die Haltestelle. An der „Leipziger Straße” findet man Wandbilder, die Bezug zu Straßennamen in der Umgebung nehmen. 

Haltestellen mit Bedeutung 
Dahlmann hebt vor allem die Bedeutung der Station „Bergwerk Consolidation“ hervor. Hier befindet sich Kunst von Alfred Schmidt, die die Bergbauvergangenheit festhält. Schmidt begab sich eigens in die Bergbaustollen, um seine Bilder zu zeichnen. In der Nähe dieser Haltestelle stehen noch Teile der ehemaligen Zeche Consolidation, die 1993 stillgelegt wurde. Dahlmann sagt: „Damals lief der Bergbau noch und man wollte etwas ganz Besonderes darstellen. Daher hatte man dafür gesorgt, dass man diesen künstlerischen Aspekt reinbringt.“  

Auswahl durch Wettbewerb 
Bereits beim Bau der Tunnelanlagen in den 1970er-Jahren war vorgesehen, die unterirdischen Haltestellen künstlerisch zu gestalten. Die Tunnelstrecke zwischen der Rheinelbestraße und dem Musiktheater wurde 1984 eröffnet.  
1992 folgte eine Erweiterung des Tunnels für die Linie 301 bis zum Ruhr Zoo, der heutigen Zoom Erlebniswelt. Ausgewählt wurden die Künstlerinnen und Künstler durch die Ausschreibung eines Wettbewerbs der Stadt Gelsenkirchen. Laut Thorsten Dahlmann gab es für die Gewinnenden einen bestimmten Rahmen, in dem sie die Stationen gestalten konnten. Es ist nicht unüblich in Deutschland, dass Stationen von Stadtbahnen künstlerische Elemente enthalten. In Gelsenkirchen sollte an den Wänden des Tunnels vor allem Besonderheiten der Stadt, wie bestimmte Orte und wichtige Aspekte der Stadtgeschichte, festhalten werden.  

Bis heute ein Denkmal 
Das Kunstprojekt ist bis heute von großer Bedeutung für die Stadt. Das Gedenken an die Bergbauvergangenheit und die Bezüge zu Orten und Umgebung, stärken den Stolz auf die eigene Geschichte. An der Haltestelle „Trinenkamp“ finden Durchreisende QR-Codes an den Wänden. Sie liefern zusätzliche Hintergrundinformationen zu den Kunstwerken. Darüber hinaus werden gelegentlich kleine Führungen angeboten, bei denen Interessierte mehr über die Stationen und ihre Gestaltung erfahren können. In diesen Aktionen wird nicht nur der Tunnel selbst, sondern auch etwaige Zwischenebenen einbezogen. Zum Beispiel an der Haltestelle „Heinrich-König-Platz“ gibt es dort festinstallierte Ausstellungen. Sie erinnern unter anderem an den Namensgeber Heinrich König, einen Gelsenkirchener Priester und Gegner des Nationalsozialismus. Außerdem finden sich dort Gedenktafeln zum Nationalsozialismus und mehr. 

Weitere Planungen 
Laut Thorsten Dahlmann sind keine weiteren Projekte dieser Art geplant. Die Tunnelbauarbeiten sind seit Jahrzehnten abgeschlossen und das Projekt steht seither für sich. Dahlmann sagt abschließend über das Projekt: „Kunst an Orten, an denen man sie nicht erwartet, bleibt etwas Besonderes.” 

In unserer Bildergalerie seht ihr Beispiele der Kunstwerke aus Richtung Bismarck Haltestelle „Trinenkamp“ bis zum Gelsenkirchener Hauptbahnhof:  

Haltestelle Trinenkamp: Hier erwartet die Fahrgäste eine Perspektive, die den Blick auf Gelsenkirchen buchstäblich „umdreht“. Auf vier großen Wandbildern ist zu sehen, wie Gelsenkirchen aus 500 Metern Tiefe aussehen würde. Mit seinem Werk „Gelsenkirchen von unten“ will der Künstler Many Szejstecki den Fahrgästen einen Blick aus der Perspektive des Bergbaus geben. (Foto: Kira Komisarek)
Haltestelle Trinenkamp: Details des Kunstwerks „Gelsenkirchen von unten“. Bei dem Blick auf die Stadt aus 500 Metern Tiefe wurde auch der „Ruhr-Zoo“ berücksichtigt. Heute als „Zoom Erlebniswelt“ bekannt, markiert die dazugehörige Haltestelle das Ende beziehungsweise den Anfang des U-Bahn-Tunnels der Linie 301 in Gelsenkirchen-Bismarck. (Foto: Kira Komisarek)
Haltestelle „Bergwerk Consolidation“: Laut Thorsten Dahlmann, Teamleiter im Referat für Ingenieurbau und Stadtbahn der Stadt Gelsenkirchen, setzte sich der Künstler Alfred Schmidt über Monate hinweg intensiv mit den damaligen Abbaugebieten auseinander. Er begab sich selbst in die ehemaligen Stollen und zeichnete dort die Gesteinslagen und Strukturen, die er vorfand. Einige zusätzliche Bilder wurden später ergänzt, um freie Flächen zu füllen.  (Foto: Kira Komisarek)
Haltestelle „Bergwerk Consolidation“: An der Wand hinter den Förderwagen sind die von Alfred Schmidt gezeichneten Gesteinsschichten der Bergbaustollen zu erkennen. (Foto: Kira Komisarek)
Haltestelle „Bergwerk Consolidation“: Ein zentrales Element der Station ist dieses dreiteilige Kunstwerk, das sich auf dem Treppenzugang zur Station befindet. (Foto: Kira Komisarek)
Haltestelle „Leipziger Straße“: Die künstlerische Gestaltung der Haltestelle Leipziger Straße nimmt direkten Bezug auf Straßennamen in der Umgebung der Station, im Stadtteil Schalke. Dargestellt werden die Städte Leipzig, Dresden, Magdeburg, Breslau und Königsberg. (Foto: Kira Komisarek)
Haltestelle Leipziger Straße: Hier sieht man den Aufbau der Wandbilder, die die Städte der Straßennamen zeigen. Das Bild der Stadt Magdeburg ist ein Stich vom Künstler Matthäus Merian aus dem 17. Jahrhundert. Auch die anderen Bilder stellen die Städte in Epochen rund um den Barock dar. (Foto: Kira Komisarek)
Haltestelle „Musiktheater“: Die Station ist eng mit dem darüberliegenden Musiktheater im Revier verbunden. Für die Gestaltung war der damalige Bühnenbildner des Theaters Erwin W. Zimmer zuständig. Die insgesamt zwölf Wandbilder beziehen sich direkt auf die Stücke, die zur Zeit des Baus der Tunnelanlagen in den 1990er-Jahren im Musiktheater aufgeführt wurden. Unter anderem sind an der Haltestelle Szenen aus der Zauberflöte abgebildet. (Foto: Kira Komisarek)
Haltestelle „Musiktheater“: Besonders markant ist die Darstellung eines Musikstücks in Notenform. Diese Installation befindet sich auf der Zwischenebene der Station, in Richtung Neumarkt. Dabei handelt es sich um das Menuett aus dem Streichquartett in E-Dur, Op. 13 Nr. 5 von Luigi Boccherini, so Dahlmann. (Foto: Kira Komisarek)
Haltestelle „Heinrich-König-Platz“: Am Heinrich-König-Platz stammen die Kunstwerke von der deutschen Künstlerin Anemone Schneck-Steidl. Sie zeigt Orte und Situationen aus Gelsenkirchen in bunter Wandkeramik. Auch hier wird deutlich, wie wichtig der lokale Bezug für die Gestaltung des Tunnels war. (Foto: Kira Komisarek)
Haltestelle „Heinrich-König-Platz“: Auf der Zwischenebene der Haltestelle befindet sich festinstallierte Kunst. Neben Informationen zum Namensgeber Heinrich König oder Gedenktafeln zum Nationalsozialismus findet man hier auch Geschichte aus 1.000 Jahren Gelsenkirchen. (Foto: Kira Komisarek)
Haltestelle „Hauptbahnhof“: An dieser Station wurde 2006 eine Lichtinstallation ergänzt. Auf eine aufwendige oder teure Gestaltung wurde bewusst verzichtet. Laut Dahlmann ist es wichtig, dass Risse oder Brüche an den Wänden oder der Decke frühzeitig erkannt werden. Da hier oft reger Betrieb herrscht, sind die Sicherheitsstandards erhöht. Als Ausgleich zur zurückhaltenden Gestaltung befindet sich zu Beginn der Bahnhofstraße ein altes Fenster aus dem früheren Gebäude des Hauptbahnhofes. Dieses Fenster erinnert an die Geschichte der Stadt. (Foto: Kira Komisarek)