Bildunterschrift: Jacky Wagner trainiert mit voller Konzentration und Körperspannung auf dem Eis. Foto: Lisa Warich
Mit 24 Jahren aufs Eis – Jacky Wagner fängt an, wenn andere mit Eiskunstlauf aufhören. Der Sport fordert Kraft, Geduld und Zeit. Doch für eine Hobbysportlerin ist vor allem eines wichtig: der Antrieb, immer wieder aufs Eis zurückzukehren.
Eine Reportage von Lisa Warich
Das Training beginnt sonntags um 8:45 Uhr. Jacky Wagner sitzt auf der kalten Holzbank im kleinen Umkleideraum. Die gelb und blau gestrichenen Wände zeigen Bilder von Welt- und deutschen Meisterinnen im Eiskunstlauf. Darüber tickt eine analoge Disney-Uhr. Die Luft ist kühl und durchzogen von einem Hauch Desinfektionsmittel.
Jetzt oder nie
Jacky tauscht ihre weißen Sneaker gegen weiße Eiskunstlaufschuhe. Das Schuhleder knarzt leise, während sie die Schnürsenkel festzieht. Ihre blonden langen Haare sind zu einem hohen Zopf geflochten. Vor knapp einem Jahr hat die 25-jährige Mediengestalterin mit dem Eiskunstlauf begonnen. „Früher war ich oft in der Eishalle, mit 14 fast wöchentlich. Ich fand Eiskunstlauf schon immer ästhetisch, aber dachte einen Verein zu finden, sei zu schwer“, sagt sie. Heute ist sie Mitglied im Essener Jugend Eiskunstlauf Verein (EJE). Hier können auch Erwachsene diesen ästhetischen Sport lernen. „Durch Abitur und Studium hatte ich keine Zeit mehr, habe Eislaufen aber vermisst. Mit meinem neuen Job bei der Funke Mediengruppe hatte ich die Gelegenheit, es endlich zu versuchen.“
Zwischen dem Rascheln der Schnürsenkel und der Pop-Musik, die von draußen in die Umkleide dringt, unterhält Jacky sich mit ihren Freundinnen aus dem Verein. Sie tauschen Tipps aus – über Schuhe, die richtige Kufenschärfe oder neue Socken. „Der Support untereinander ist sehr wichtig“, sagt Jacky. Zusammen trainieren, helfe ihr, dranzubleiben.
Von Weihnachtsdeko und Weihnachtsstress
Jacky zieht ihre Handschuhe an und legt Gummischoner über ihre Kufen, bevor sie mit ihren Freundinnen die Umkleide verlässt. Kalte Luft schlägt ihnen entgegen, der Atem bildet kleine Wölkchen. Die Temperatur in der Eishalle liegt knapp über dem Gefrierpunkt. Die eisige Luft riecht nach künstlicher Kälte. Tannenbäume mit Lichterketten stehen neben der hell erleuchteten Eisfläche. „All I want for Christmas is you“ dröhnt aus den Deckenlautsprechern. In der Vorweihnachtszeit fällt es Jacky schwer, Zeit fürs Training zu finden. „Wir müssen auf der Arbeit alle Kundenaufträge vor Weihnachten abschließen. Ich war letzten Freitag so ausgelaugt, da war ich nicht trainieren“, sagt Jacky. Das komme aber zum Glück nicht oft vor – dank ihrer flexiblen Arbeitszeiten kann sie an anderen Tagen alleine üben.
Das Eis ruft
Jacky legt Wasserflasche und Kufenschoner auf die schmale Holzfläche entlang der Bande, bevor sie sicher über das Eis gleitet. Ihre Bewegungen sorgen für ein metallisches, rhythmisches Kratzen neben der lauten Musik. Zunächst sollen sich die rund 30 Eiskunstläuferinnen selbstständig aufwärmen. Sie fahren alle im Kreis über die gesamte Eisfläche, jede für sich, im eigenen Tempo. Jacky fährt ihre Runden mit geradem Rücken und leicht gebeugten Knien. Vorwärts, rückwärts, im Slalom, auf einem Bein – mal mit ihren Freundinnen zusammen, mal alleine. „Ich liebe, was der Sport zu bieten hat. Es ist eine Kombination aus Eleganz, Kraft und Ausdauer. Deswegen macht es mir auch Spaß dabei zu bleiben“, sagt sie und greift nach dem Aufwärmen zur Wasserflasche. Anstrengend bleibe es trotzdem.
Auf dem Weg zur Eleganz
Die Läuferinnen teilen sich in drei Gruppen à zehn Personen auf. Es wird unterschieden nach Können: Jacky gehört bereits zu den Fortgeschrittenen. „Fangt schonmal mit Übersetzern an“, ruft ihre Trainerin Jessica Jahnke übers Eis. Sie trägt eine dicke Hose, eine grüne Winterjacke und einen Schal. Gegen den Uhrzeigersinn gleiten die Läuferinnen über ein Drittel der Eisfläche im Kreis. Jacky streckt ihren rechten Arm nach vorne, ihren linken nach hinten, ihr Blick ist dabei konzentriert nach vorne gerichtet. Sie läuft ein kurzes Stück, geht leicht in die Hocke und hebt in der Kurve ihren rechten Fuß über ihren linken – ein perfekter Übersetzer. Ihre Wangen und Ohren werden rot von der der eisigen Luft und Anstrengung.

Jacky zusammen mit ihrer Trainerin Jessica Jahnke. Foto: Lisa Warich
Die Trainerin „Jessi“ schaut zu und greift bei Bedarf ein. Mit den tänzerisch wirkenden Bewegungsfolgen der Eiskunstläuferinnen klingt das Kratzen im Eis wie eine winterliche Melodie und zeichnet kreisrunde Muster in das bereits zerkratzte Eis.
Stürze gehören dazu
Als nächste Übung soll Jacky rückwärts einlaufen und einen Doppeldreier-Schritt ausführen. Was für Laien wie Fachchinesisch klingt, ist für Jacky geübte Praxis. Doch beim Versuch, die Schrittfolge flüssiger auszuführen, stürzt sie und knallt fast gegen die Bande der Eisfläche. Sie steht direkt wieder auf, klopft das Eis von ihrer Vereinsjacke und Leggins und übt weiter. Frustration spürt sie keine, eher die Motivation den Schritt richtig zu lernen. „Hinfallen gehört dazu“, sagt sie. Das Verletzungsrisiko bestehe immer, aber mit guter Vorbereitung ließe sich das gut vorbeugen.

Gut sitzende Schuhe und geschliffene Kufen sind entscheidend für Eiskunstlauf. Foto: Lisa Warich
„Meine Trainerin und ich kennen meine Grenzen. Über Verletzungen mache ich mir keine Sorgen, da überwiegen für mich die positiven Eigenschaften.“
Schritt für Schritt
Zum Schluss steht noch der Rittberger-Sprung auf dem Plan. „Hab‘ mal ein bisschen Mut“, ruft Jessi ihr zu. Jacky fährt rückwärts an, drückt sich mit der rechten Kufe ab, dreht sich in der Luft einmal und landet wieder auf dem rechten Fuß. Sie springt nicht sehr hoch, nur wenige Zentimeter über der Eisfläche und dennoch ein Erfolg – zum ersten Mal klappt dieser Sprung. „Ich lerne die Sachen nicht mehr so schnell, aber das stört mich nicht. Dafür freue ich mich umso mehr, wenn ich ein neues Element schaffe“, sagt sie lächelnd. Wenn sie genug Elemente beherrscht könne sie auch an den ersten Wettbewerben für Erwachsene teilnehmen. Sie übt den Sprung noch einige Male. Nach einer Stunde Training verlässt Jacky die Eisfläche. Die Musik verstummt und auf dem Eis bleiben nur die Kratzer und Muster der Kufen zurück.


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