Bildunterschrift: Der Dartsport wird immer beliebter, so auch bei Lukas Kaul. Foto: Tim Kowalewski
Mit Pfeilen auf eine runde Scheibe werfen – das klingt für viele Menschen erst einmal langweilig. Bis vor kurzem auch für Lukas. Doch nun will er mit dem Dartsport beginnen und benötigt dafür die richtige Ausrüstung.
Eine Reportage von Tim Kowalewski
„Bin ich ja mal gespannt“, sagt Lukas und geht drei Treppenstufen hoch. Wir befinden uns auf dem verregneten Parkplatz vor einem Dartgeschäft in Dortmund-Wambel. Für den 21-Jährigen ist es das erste Mal in einem Dartladen. Der Grund dafür ist, dass er neu mit dem Dartsport anfangen möchte.
„Let’s go, ich hab Bock“, sagt Lukas und setzt den ersten Schritt auf den roten Teppichboden des Geschäfts. Gleich beim Betreten ist Getuschel zu hören. „Hätte nicht gedacht, dass jetzt schon so viel los ist“, merkt er an. „Nachmittags ist es bestimmt noch voller. Da zeigen sich auch mal die guten Seiten an der Schichtarbeit“, sagt Lukas und grinst.
Vermeintliches Türklopfen
Aus dem hinteren Teil des Geschäfts sind Geräusche wahrzunehmen, die einem Türklopfen ähneln. In Wahrheit ist das Klopfen aber der Moment, wenn ein geworfener Pfeil das Dartboard trifft. Erzeugt werden die Geräusche von zwei jungen Männern, die nacheinander auf eine Scheibe werfen. „Eigentlich perfekt, dass man die Dinger hier direkt ausprobieren kann“, sagt Lukas. Nach einem ersten, erstaunten Rundumblick durch den Laden, bei dem er leicht mit dem Kopf nickt, setzt er seine Füße in weißen Sneakern langsam auf dem roten Teppich in Richtung Ladenmitte voreinander.

Der 21-Jährige nimmt zuerst die Flights unter die Lupe. Foto: Tim Kowalewski
Im September 2025 hat Lukas seine Ausbildung zum Pharmakanten abgeschlossen. In seiner Firma ist er für die Produktion von verschiedenen Medikamenten zuständig. Die Zeit, die er zuvor für seine Abschlussprüfungen und die Berufsschule investierte, möchte er nun in ein neues Hobby stecken. Er hat sich vom Hype der am 3. Januar beendeten Weltmeisterschaft anstecken lassen. „Ab dem Achtelfinale habe ich so gut wie jedes Spiel gesehen und davor gelegentlich hereingeschaut“, erzählt er. „Ich will einfach mal gucken, wie der Sport für mich selbst ist. Mal gucken, ob ich Gefallen daran finde.“ Um das zu testen, braucht er aber nur eines der zwei wichtigsten Elemente beim Darts. Und zwar die Pfeile. „Mein Vater hat noch eine alte Dartscheibe im Keller herumstehen. Deswegen brauche ich erstmal keine neue zum Reinkommen“, sagt er.
Fluggarantie
Betrachtet man einen Dartpfeil von der Spitze an, ist der Flight das letzte Element. Er ist der kleinste Teil eines Pfeils und sorgt durch seine vier Plastikflügel, die von vorne betrachtet einem X ähneln, dafür, dass der Pfeil fliegen kann. Bei Lukas jedoch führt gleich der erste Weg zu den drei großen drehbaren Ständern, welche mit einer Vielzahl in Plastiktütchen verpackter Flights bestückt sind. Dabei geht er sogar an der langen Wand vorbei, an der komplette Pfeilsets, verpackt in kleinen bunten Kartons, Reihe an Reihe hängen.
Lukas dreht die Ständer mehrmals herum. Sie ähneln einer Sonnenbrillen-Ausstellung im Drogeriemarkt. Mit seinen braunen Augen mustert er die Teilchen angespannt. Schließlich fesselt eines der vielen Plastiktütchen seinen Blick: „Boah, wie geil“, sagt Lukas freudig, „hier sind die Flights von Peter Wright. Die nehme ich auf jeden Fall mit.“ Er hält eine der kleinen Plastiktütchen in den Händen. Den Flight ziert eine bronzefarbene Schlange auf schwarzem Hintergrund. „Wie auf seinem Kopf“, sagt Lukas. Der Dartspieler Peter Wright ist nämlich nicht nur unter dem Künstlernamen „Snakebite“ bekannt, sondern auch dafür, bei jedem seiner Spiele eine Schlange in verschiedensten Varianten an den Seiten seines Kopfes zu tragen, welche er von seiner Frau aufgemalt bekommt.
Für das entfachte Dartinteresse des 21-Jährigen ist auch Wright mitverantwortlich. „Der hat mich eigentlich so richtig abgeholt, muss ich sagen. Vor allem wegen seiner Ausstrahlung und den sehr ausgefallenen Frisuren.“
Volltreffer im zweiten Anlauf
„So, dann fehlen jetzt nur noch die Pfeile“, sagt Lukas lachend. Auch wenn bei einem kompletten Pfeilset ein paar Flights dabei sind, möchte er lieber mit denen seines Lieblingsdartspielers werfen. „Der macht auch immer gut Stimmung, sobald er auf der Bühne ist“, fügt Lukas hinzu, was ihm an Peter Wright so gefällt.
Hinter seinem Rücken befindet sich der zweite Raum des Geschäfts. Dort hängen insgesamt drei Dartboards an der Wand, die jeweils von einem kranzrunden Leuchtring angestrahlt werden. „Von da vorne kannst du dich einfach bedienen und ausprobieren“, sagt ein Mitarbeiter des Ladens und zeigt auf ein Holzregal, welches mit zahlreichen Pfeilen in unterschiedlichsten Größen und Gewichten bestückt ist.

Lukas testet verschiedene Pfeile im zweiten Raum des Geschäfts. Foto: Tim Kowalewski
„Ich probiere mal die 23-Gramm-Pfeile aus. Halt mal bitte meine Jacke“, sagt Lukas und streckt seine beigefarbene Jacke mit ausgestrecktem Arm von sich weg. In einem grünen Strickpullover stellt er sich an die Kante der 2,37-Meter langen Erhöhung, welche den Spieler von der grün-weiß und schwarz-rot gefärbten Scheibe trennt. „Dann wollen wir mal“, sagt er und wirft die drei Darts mit konzentriertem Blick auf das Board. Wieder hört man das Klopfen beim Einschlag der Pfeile im Board. Nach vier Durchgängen hat er genug. „Die sind mir zu leicht. Ich probiere mal direkt die 26er.“ Das Prozedere geht von vorne los. Dieses Mal aber mit mehr Erfolg. „Fühlt sich schon besser an“, sagt Lukas, bevor sein Jubelruf ertönt: „Geil, direkt einer in die 20.“
Mehr als nur Pfeile werfen
Knapp 15 Minuten lang wirft Lukas, geht zum Board, zieht seine Pfeile wieder heraus und beginnt von vorn. Nur gelegentlich gibt der Pharmakant ein Raunen von sich, wenn er nicht die gewünschte Zahl auf der Scheibe trifft. Nach der Viertelstunde herrscht jedoch Klarheit: „Ich glaube, die sind es“, sagt Lukas überzeugt, während er die Pfeile auf seiner Handfläche liegend mit kritischem Blick mustert. Daraufhin folgt die Erkenntnis: „Bisher habe ich eigentlich immer nur in der Kneipe gespielt, aber so mit richtigen Pfeilen bockt sich das schon mehr“, sagt der 21-Jährige. „So ist es irgendwie professioneller, finde ich.“
Kneipe ist aber dennoch das richtige Stichwort für Lukas, wenn es darum geht, was ihm am Sport besonders gefällt. „Es ist ein schöner Gemeinschaftssport. Ich kann mir das gut nebenbei vorstellen, während ich mit den Jungs ein paar Bierchen trinke. Außerdem kann man nicht gegen sich selber spielen und verbringt so automatisch Zeit mit Freunden.“
Dartsport wird immer beliebter
Der letzte Weg des 21-Jährigen führt zur Kasse des Dartgeschäfts. Bedient wird er dort von Heike Gebauer. Sie und ihr Mann führen den Shop gemeinsam. Auch sie verspürt Auswirkungen durch die kürzlich vollendete Darts-Weltmeisterschaft. „Man merkt schon, dass mehr Kunden kommen. Um den März herum, wird es dann wieder weniger, aber auch nicht viel“, sagt sie. Ein anhaltend steigendes Interesse am Sport spiegelt sich auch in der Entwicklung ihres Geschäfts wider. „Mein Mann hat damals zuhause mit dem Ganzen angefangen. Dann haben wir 2021 einen Laden in Dortmund-Aplerbeck eröffnet. Im August 2024 sind wir dann hierhin gezogen und haben letztes Jahr sogar noch einen zweiten Laden in Witten eröffnet“, erzählt die Inhaberin.

Die Flights bei den ersten Testwürfen in den eigenen vier Wänden. Foto: Lukas Kaul
Menschen wie Lukas bereichern das Geschäft des Ehepaars. So sagt der Pharmakant, nach dem er abkassiert wurde, eifrig: „Jetzt geht es ab an die Scheibe“. Er hält eine braune Papiertüte in der Hand und geht die drei Treppenstufen raus aus dem Geschäft und wieder auf den verregneten Parkplatz. Der Anfang für ein neues Hobby ist damit geschafft. Und vielleicht hält es bei ihm länger als nur bis zum nächsten März.


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