Bildunterschrift: Bernd Jungk arbeitet seit 3 Jahren ehrenamtlich für die Tafel in Essen. Foto: Lennart Illing

Bernd Jungk ist im Vorsitz bei der Essener Tafel. Er hilft, weil er möchte, nicht weil er muss. Doch Freiwilligkeit schützt nicht vor aufreibenden Tagen.

Eine Reportage von Lennart Illing

Kurz vor neun Uhr morgens ist der Wareneingang der Tafel am Westendhof still. Nieselregen fällt vom Himmel, der Asphalt ist glatt, die Luft beißt. Ohne Handschuhe werden die Finger schnell taub. Jungk ist an diesem eisigen Montag einer der Ersten vor Ort. Er müsste eigentlich gar nicht hier sein.

Früher war der 59-Jährige nämlich Pilot bei der Lufthansa. Mittlerweile ist er zweiter Vorsitzender der Tafel Essen und macht das seit drei Jahren ehrenamtlich. Ein Leben über den Wolken, gut bezahlt, gut abgesichert. Er könnte seinen Alltag am Strand verbringen. Stattdessen steht er nach seinem Ruhestand im Nieselregen des Essener Winters. Wie er dazu kam? „Über meine Tante“, sagt er und lächelt. Zu ihrem 80. Geburtstag wollte sie keine Geschenke, sondern Spenden für die Tafel. „Das war mein erster Kontakt mit der Tafel. Da bin ich dazu gekommen, dass es überhaupt eine Tafel gibt.“

Start in den Tag
Drinnen ist es noch ruhig. Zwei Mitarbeitende räumen Kisten im Lager umher, reden leise. Keine Hektik, kein Stress. Im Büro telefoniert Jungk, runzelt die Stirn. Ein Spender ist beleidigt, weil er sich nicht an ihn erinnert. Eine kleine Diskussion. Jungk erklärt, dass er Hunderte Namen parat haben müsste, um sich an jede Person zu erinnern. Der Spender ist wenig verständnisvoll, Jungk beendet das Gespräch. Danach führt er durch die Küche, zeigt die Räume. Langsam mischt sich der Geruch von Brot und Obst mit der kalten Luft.

Die Routine zum Beginn einer jeden Woche
Ab 10 Uhr geht Jungk in einem zweiten Büroraum Anträge von potenziellen Kunden und Kundinnen durch. Menschen unterschiedlichster Herkunft betreten nacheinander den Raum, nachdem Jungk sie persönlich reinholt. Sie möchten einen Tafelausweis. Manche bekommen ihren Ausweis, andere nicht. Akzeptiert wird nämlich nur ein Nachweis über Wohngeld, Grundsicherung oder Bürgergeld. Das erklärt er den Menschen präzise, aber respektvoll. Das Telefon klingelt ununterbrochen. „Die klingeln hier heute wie die Weltmeister“, sagt Jungk trocken. Neben ihm freut sich die männliche Begleitung eines Kunden: „Man muss nicht mehr im Nassen warten, das ist ja ein riesiger Fortschritt zum Wasserturm.“ Früher war die Tafelzentrale am Steeler Wasserturm. Am Westendhof nahe der Innenstadt ist nun alles zentraler und größer.

Ein geflüchtetes Ehepaar aus der Ukraine setzt sich. Die Frau reicht Jungk ihre Dokumente. Ein paar Sekunden ernste Stille. Dann sagt er: „Jo, sieht echt aus.“ Alle lachen. Ein anderer Kunde kommt herein, reicht allen zur Begrüßung die Hand, freundlich, offen. Es sind diese Momente, die hängen bleiben.

Die 30 Meter lange Essenstafel wartet auf die Kunden und Kundinnen. Foto: Lennart Illing

Die Ausgabe beginnt
Währenddessen bauen die Mitarbeitenden die lange Essenstafel auf. Verpackungen knistern, Kisten werden gerückt, Stimmen überlagern sich. Alles ist belebt, aber nie hektisch. Die meisten arbeiten hier ohne Bezahlung. Ab und zu piepen Transporter, irgendwo surrt ein Drucker.

Die ersten Kundinnen und Kunden kommen ab 13 Uhr rein, nachdem sie im Wartebereich auf ihre Nummer gewartet haben. Es wird lauter. Eine ältere Dame, die ebenfalls für die Tafel arbeitet, prüft die Karten und gleicht Namen ab. Passt alles, dürfen sie weiter. Eine Kiste pro Person als grober Richtwert. Jungk ist währenddessen mit den Bürotätigkeiten beschäftigt. Er druckt neue Ausweise, das leise Surren des Druckers begleitet das Stimmengewirr. Es riecht nach Salat und Joghurt. Die Menschen lachen und freuen sich über das Essen.

Die Kisten leeren sich minütlich. Foto: Lennart Illing

Es sind nicht immer alle zufrieden
Doch es ist nicht immer harmonisch. „Gelegentlich müssen sich die Mitarbeitenden auch beleidigen lassen“, sagt Jungk ernst. Dann gebe es lebenslange Sperren. Dazu kommen sprachliche Differenzen. Viele Kundinnen und Kunden sprechen kaum Deutsch. Jungk erklärt, dass man versuche, das Stadtbild Essens abzubilden. „Wenn wir die Warteliste so abarbeiten würden, wie sie reingekommen ist, dann wären wir keine Tafel mehr für alle, sondern eine rein ukrainische Tafel.“ Das sei für die Mitarbeitenden nicht vermittelbar und für Geflüchtete schwer zu verstehen. „Das kann ich aus deren Sicht komplett nachvollziehen.“

Erfahrungen sorgen für einen neuen Blickwinkel 
Schöne Momente? Er muss nicht lange überlegen. „Zu Weihnachten hatten wir drei Wagen komplett voll mit Fleisch. Der Verkaufswert bei Edeka lag bei 500.000 Euro.“ Draußen war eine 500 Meter lange Schlange. „Die Leute stehen heulend vor dir, weil sie gerade den Weihnachtsbraten bekommen haben.“ Er pausiert kurz und lächelt dann. „Die Leute waren glücklich. Das macht Spaß tatsächlich.“

Sein Blick auf die Gesellschaft hat sich mittlerweile verändert. Behütet aufgewachsen in Steele, erst in seiner ersten Ausbildung als Elektriker kam er mit anderen Lebensrealitäten in Kontakt. Danach der Kontrast zur Lufthansa. „Eine Sphäre, die ein bisschen abgehoben ist“, sagt er selbst. Und dann hier. „Das ist teilweise nochmal eine andere Liga.“ Jugendliche, 14 Jahre alt, die auf der Straße schlafen. Das Jugendamt hat aufgegeben. „Das find ich schon gewöhnungsbedürftig, dass es sowas in der Gesellschaft gibt.“

Die Tafel ist unabhängig, Jungk genießt das. Foto: Lennart Illing

NRW-Ministerpräsident war bereits zu Gast
Von der Politik wünscht er sich wenig, doch gleichzeitig viel. „Wenn du mit der Politik ins Bett gehst, dann verfrühstückt sie dich.“ Sein Blick wird ernst. Diese würde dann nämlich beispielsweise über die Kundenpriorität entscheiden. Unabhängigkeit sei ein Riesenvorteil. Als Hendrik Wüst auf seiner Sommertour letztes Jahr bei der Tafel anhielt und fragte, was die Politik tun könne, sagte Jungk: „Sorgen Sie dafür, dass die Tafeln obsolet werden.“ Sein Hauptthema: Bildung. „Das, was wir hier an Kundschaft haben, ist häufig ein Bildungsproblem.“ Eine echte Bildungsreform, mehr Lehrkräfte. Das sei es, was langfristig helfen würde. Während er spricht, rückt er vom Tisch ab, beugt sich nach vorn und unterstreicht jedes Wort mit Handbewegungen.

Gegen 15 Uhr ist die Tafel schließlich leergefegt. Die letzten Kisten werden sortiert, Stühle gerückt. Jungk geht noch einmal ins Büro, zieht die Jacke an. Und verabschiedet sich. Draußen ist es immer noch eisig. Er steigt ins Auto und fährt nach Hause. Morgen wird hier wieder jemand frieren und warten. Und Bernd Jungk wird da sein, um zu helfen.