Bildunterschrift: Fällt Unterricht aus, bleiben Klassenräume leer – besonders häufig in der Oberstufe. Foto: Symbolbild
Kurzfristiger Unterrichtsentfall gehört an vielen Schulen in Nordrhein-Westfalen zum Alltag. Besonders in der Oberstufe gibt es häufig keine Vertretungen – mit Folgen für Lernstoff, Prüfungen und Planungssicherheit.
Von Amy Lee Driemel
Rosa S. besucht ein Gymnasium in Dorsten. Ihren vollständigen Namen will die 17-Jährige nicht nennen, um sich vor möglichen Nachteilen im schulischen Alltag zu schützen. Seit mehreren Monaten fällt bei ihr der Unterricht regelmäßig aus – zweimal pro Woche ist keine Seltenheit. „Bei uns gibt es keinen Vertretungsunterricht, sondern Entfall“, sagt Rosa.
Ob eine Stunde stattfindet, erfahren die Schülerinnen und Schüler oft erst kurzfristig über die Schulwebsite, teilweise nur eine Stunde oder wenige Minuten vor Beginn, vor allem in der ersten Stunde.
Ausfall gehört zum Stundenplan
Der Unterrichtsentfall betrifft dabei unterschiedliche Fächer. Besonders deutlich zeigt sich das Problem laut Rosa in Hauptfächern und Fremdsprachen. In der Oberstufe wählte sie Niederländisch. Der zuständige Lehrer fiel krankheitsbedingt über einen längeren Zeitraum aus. „Das war extrem stressig“, sagt Rosa. „Wir hatten kaum Unterricht und sollten dann trotzdem eine Klausur schreiben.“ Der Lehrer sei erst eine Stunde vor der Klausur wieder im Unterricht erschienen.
Die Schule reagierte auf den Ausfall. Die Klausurzeit wurde verkürzt. Zusätzlich erhielten die Schülerinnen und Schüler Aufgaben über eine digitale Lernplattform. Für Rosa ist das jedoch kein gleichwertiger Ersatz. „Online-Material ist nicht das Gleiche, wie wenn ein Lehrer vorne im Klassenraum steht“, sagt sie. Inhalte ließen sich so schwerer nachvollziehen als im Unterricht.
Mehr Personal, anhaltende Lücken
Das Schulministerium Nordrhein-Westfalen sieht den Lehrkräftemangel weiterhin als zentrales Problem. Schulministerin Dorothee Feller bezeichnet ihn als „die größte Herausforderung für viele unserer Schulen“. Gründe dafür seien unter anderem steigende Schülerzahlen, der Ausbau des Ganztags und viele Lehrkräfte, die in den Ruhestand gehen. Zugleich verweist das Ministerium auf Fortschritte. Heute arbeiten über 9.700 Menschen mehr an den Schulen in Nordrhein-Westfalen als noch vor drei Jahren, seit dem Regierungsantritt der schwarz-grünen Landesregierung sind es sogar fast 11.000 zusätzliche Beschäftigte, teilte das Schulministerium mit. Das sei ein Erfolg, jedoch „längst kein Grund, die Hände in den Schoß zu legen“.
Kritischer bewertet die Lage die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) NRW. Deren Vorsitzende Ayla Çelik warnt vor deutlichen Folgen für Schülerinnen und Schüler. „Aus meiner Sicht bedeutet Unterrichtsausfall in erster Linie verpasste Lernchancen und damit verpasste Lebenschancen für unsere Kinder und Jugendlichen“, sagt sie. Nach ihren Angaben erreichen viele Kinder in Nordrhein-Westfalen grundlegende Mindeststandards in Lesen, Schreiben, Rechnen und den Naturwissenschaften nicht mehr. Besonders betroffen seien sozial benachteiligte Regionen wie das Ruhrgebiet, in denen der Lehrkräftemangel besonders stark spürbar sei.
Nicht jede Schule ist gleich betroffen
An der St.-Ursula-Realschule in Dorsten sieht die Lage anders aus. „Lehrermangel gibt es an unserer Schule nicht, wir sind voll besetzt“, sagt Schulleiterin Miriam Baumeister. Unterrichtsausfälle entstünden dort vor allem durch Erkältungskrankheiten. Wenn möglich, werde der Unterricht übernommen. „In Klasse 5 und 6 wird grundsätzlich jede Stunde vertreten“, erklärt Baumeister.
Informationen zu Vertretungen und Unterrichtsausfall erhalten die Schülerinnen und Schüler über IServ. Dabei handelt es sich um eine digitale Schulplattform, die an vielen Schulen genutzt wird und über Stundenplanänderungen informiert.
Folgen bleiben offen
Welche Folgen regelmäßiger Unterrichtsausfall langfristig für Leistungen und Abschlüsse hat, ist offen. Für viele Schülerinnen und Schüler bleibt der Schulalltag schwer planbar. Auch Rosa blickt mit Sorge auf das Abitur. „Ich habe Angst, dass uns am Ende wichtige Inhalte fehlen“, sagt sie. Ob sie sich ausreichend vorbereitet fühlt, werde sich erst in den Prüfungen zeigen.


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