Bildunterschrift: Ein schmaler Gang, volle Regale – dazwischen ein Alltag, der langsamer geworden ist. Für viele ältere Menschen ist der Supermarkt einer der wenigen Orte, an denen sie sich regelmäßig unter Menschen bewegen. Foto: Amy Lee Driemel
Sie braucht fast nichts. Und kommt trotzdem regelmäßig. In einem Gelsenkirchener Supermarkt wird Einkaufen für ältere Menschen wie Elke Weber zu einem Weg, um am öffentlichen Leben teilzunehmen.
Eine Reportage von Amy Lee Driemel
Die automatische Tür des Supermarkts öffnet sich mit einem Zischen. Warme Heizungsluft trifft auf kalte Winterluft. Es riecht nach frischem Brot, Kaffee und Reinigungsmitteln. Einkaufswagen rollen über die Fliesen, Gespräche und Kassenpiepen mischen sich. Es ist später Vormittag, der Markt ist nicht voll, aber in Bewegung.

Elke Weber (70) kommt regelmäßig hierher. Nicht, weil sie viel braucht, sondern weil der Weg durch den Markt ihrem Tag Struktur gibt. Foto: Amy Lee Driemel
Elke Weber trägt eine dunkle Steppjacke, die Hände ruhen fest auf dem Griff ihres Rollators. Ihre Bewegungen wirken vorsichtig, aber geübt, als sie den Eingangsbereich passiert. Der Weg durch den Markt ist vertraut. Für viele ist das Alltag. Für die Rentnerin ist es eine bewusste Entscheidung. „Wenn ich nur zu Hause bleibe, wird der Tag langweilig”, sagt sie. „Hier passiert wenigstens etwas.“
Der Einkaufsladen als sozialer Raum
Elke will ein Weizen-Roggen-Mischbrot kaufen und eine Cappuccino-Selbstmischung. Mehr braucht sie nicht. Größere Einkäufe lässt sie sich liefern. „Die schweren Taschen schaffe ich nicht mehr“, sagt sie. „Aber den Weg hierher möchte ich mir nicht nehmen lassen.“
Vor einem Regal bleibt sie stehen. Ihr Blick wandert über die Reihen. „Ich bleibe hier manchmal extra stehen“, sagt sie. „Zu Hause lasse ich oft den Fernseher laufen, damit es nicht ganz still ist. Hier hört man wenigstens andere Menschen.“
Einen Ehemann hatte sie nie. Viele enge Freunde aus früheren Jahren sind inzwischen gestorben. „Der Freundeskreis wird kleiner”, sagt sie. Familie hat sie trotzdem. Ihre Nichten leben in Düsseldorf, man sehe sich etwa alle zwei Wochen. „Die arbeiten viel“, sagt sie. „Und ich will auch nicht ständig fragen. Man will ja niemandem zur Last fallen.“
Ganz allein ist sie im Alltag dennoch nicht. „Ich rede mit den Leuten, die mir Essen liefern“, sagt sie. „Der Eiermann zum Beispiel kommt regelmäßig.“ Man wechsle ein paar Worte, frage, wie es gehe oder wie das Wetter sei. „Es ist nur ein kurzes Gespräch, da merkt man schon, dass einem Gespräche fehlen“, gibt Elke zu.
Elke ist keine Ausnahme. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes lebt rund jede dritte Person über 65 Jahre allein. Mit zunehmendem Alter werden Wege kürzer, Kontakte weniger. Für viele ältere Menschen werden Supermärkte und Lieferkontakte zu regelmäßigen sozialen Kontaktpunkten im Alltag.

Nähe entsteht oftmals ohne Austausch. Foto: Amy Lee Driemel
Die einzige Interaktion
Am Kaffeeregal bleibt Elke stehen. Aus den Kühlgeräten am Gangende dringt ein gleichmäßiges Summen. Der Geruch von gemahlenem Kaffee liegt in der Luft.
Neben ihr bleibt eine Frau mittleren Alters stehen. Dicke Winterjacke, schmale Tasche über der Schulter, das Handy noch in der Hand. „Is ja wieder alles teurer geworden, wa“, sagt sie. „Ja“, sagt Elke Weber. „Das merkt man.“ „Ja klar, aber wat willze machen.“
Ein kurzer Austausch
Zwischen dem Rollen der Einkaufswagen und dem leisen Piepen einer Kasse entsteht ein kurzer Moment. Elke zögert. Dann sagt sie: „Ich bin so gut wie jeden Tag hier.“ Die Frau schaut kurz auf. Ein prüfender Blick, dann ein knappes Lächeln. „Ach so“, sagt sie. „Ja, ich komm immer nur schnell nach der Arbeit.“
Sie legt den Kaffee in den Korb, wischt über ihr Handy und geht weiter in die nächste Abteilung. Elke bleibt stehen. Das Kaffeepaket liegt noch in ihrer Hand. Sie schaut der Frau nach, die zwischen den Regalen verschwindet. Einkaufswagen schieben sich vorbei, Räder quietschen. Niemand bleibt stehen. Ihr Blick senkt sich.
„Früher ist man öfter ins Gespräch gekommen“, sagt Elke Weber danach. „Heute haben viele keine Zeit mehr. Ich nehme das niemandem übel“, sagt sie. „Aber man merkt den Unterschied.“

Zwei Hände greifen nach demselben Produkt, ein kurzer Moment der Nähe. Begegnungen wie diese bleiben flüchtig und oft die einzigen an einem ganzen Tag. Foto: Amy Lee Driemel
Nähe auf Zeit
Solche Begegnungen entstehen zufällig und dauern nur kurz. Wer sich vieles liefern lässt oder Wege meidet, wird seltener Teil öffentlicher Abläufe. Nähe entsteht dann nicht aus Gesprächen, sondern aus kurzen Überschneidungen.
An der Kasse legt Elke ihr Brot und die Cappuccino-Selbstmischung auf das Band. Die Kassiererin zieht zuerst das Brot über den Scanner, dann die Packung, tippt den Betrag ein. Ihr Blick bleibt kurz auf dem Display, die Bewegungen sind routiniert. „Möchten Sie den Bon?“ „Ja, bitte“, sagt Elke Weber.
Draußen öffnet sich die automatische Tür erneut. Die Geräusche bleiben im Markt zurück. Ein Bus fährt vorbei. Elke Weber hängt die kleine Tüte an den Rollator und geht weiter.
In zwei Wochen sieht sie ihre Nichten wieder. Dazwischen liegen viele Tage. Für heute schließt sich der Markt hinter ihr.


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