Bildunterschrift: Das Tischlerhandwerk überrascht junge Auszubildene mit seiner Vielfalt. Foto: UNSPLASH
Wer an das Tischlerhandwerk denkt, hat oft ein Bild vom kreativen Arbeiten in der Werkstatt und selbstgebauten Möbeln nach Maß. Einige Auszubildende starten in den Beruf – und erleben Überraschungen.
Von Kira Komisarek
Für Ariel Behnke aus Essen begann die Tischlerausbildung mit dieser Vorstellung: Hauptsächlich Möbel zu bauen. Schnell merkte der 23-jährige, dass ein Großteil des Berufs anders aussieht. „Meine Tätigkeiten sind eher Montagetätigkeiten. Auf die Baustelle fahren, Fenster und Türen einbauen und reparieren sowie Einbauschränke aufbauen“, sagt Ariel. Dass der Job anders ist als erwartet, macht ihm wenig aus. Die vielfältigen Herausforderungen, die ihm auf den Baustellen begegnen, kann er für sich nutzen. Über das Tischlerhandwerk sagt er: „Es ist immer so ein doofer Spruch, aber man lernt fürs Leben.“

Ariel Behnke (23) lernt das technische Zeichnen in der Berufsschule. Foto: Kira Komisarek
Job auf Zeit
Auf die Frage, ob er sich vorstellen könne, in dem Beruf zu bleiben, antwortet Ariel mit Ja. Allerdings unter Vorbehalt: „Aber nicht mein Leben lang. Wenn ich mir meine Kollegen angucke, die schon mit 40 drei Bandscheibenvorfälle haben. Der Körper hält das nicht bis zur Rente durch“, sagt er.
Zwischen Hobby und Berufsalltag
Für andere fällt die Enttäuschung über den Berufsalltag schwerer ins Gewicht. Der 27-jährige Tim Keller (Name geändert) hat sich schon vor der Ausbildung für Holzarbeiten interessiert. Er schloss die Tischlerausbildung 2023 ab. „Ich habe während eines Praktikums gemerkt, dass ich nicht in diesem Beruf arbeiten möchte“, sagt er. Dort hat er die Baustellenarbeit kennengelernt. Kundenkontakt, Zeitdruck, Arbeiten am Wochenende, große Entfernungen von den Baustellen zu seinem Wohnort und ungeplante Überstunden waren Gründe für ihn, den Beruf zu verlassen. Jetzt arbeitet er in einem Schrotthandelsbetrieb. Hier genießt er vor allem, dass er bei der Arbeit seine Ruhe hat. „Hätte ich eine Stelle nur in der Werkstatt gefunden, würde ich vielleicht noch als Tischler arbeiten. Aber das machen meistens die Gesellen, die Jüngeren sollen auf die Baustelle“, sagt er.
Tischlerhandwerk ist beliebt
Björn Woywod von der Handwerkskammer Dortmund erklärt die Diskrepanz zwischen Erwartung und Realität: „In erster Linie nehmen Menschen das Tischlerhandwerk vor allem aus dem wahr, was sie selbst kennen. Der Beruf ist umfangreich und das findet nicht immer im Bewusstsein der jungen Leute statt.“ Trotz etwaiger Überraschungen bleibt der Zulauf hoch. Die Ausbildungsabbrüche bei Handwerksausbildungen im Gesamten liegt nach Berechnungen des Zentralverbands des deutschen Handwerks bei 12 – 14 Prozent. Damit ist die Abbruchsquote im Gesamten um circa drei bis vier Prozentpunkte gestiegen. Für das Tischlerhandwerk kann Woywod keine konkreten Zahlen nennen, sagt aber: „Das Tischlerhandwerk ist jedoch eher der Beruf, die beständiger sind.“ Im Kfz-Handwerk haben sich die Ausbildungszahlen in den letzten 20 Jahren verdoppelt. Das Tischlerhandwerk hingegen hat sich in dieser Zeit wenig verändert. Hier blieben die Ausbildungsanfänge laut Woywod nahezu gleich.
Aussichtsreiche Prognose
Für Ariel ist der Beruf mit vielen Möglichkeiten verbunden: „Im Handwerk findest du immer Arbeit. Ich hatte auch mal überlegt, um die Welt zu reisen. Da bringt mir das was“, sagt er. Um als Ausbildungszweig interessant zu bleiben, versuchen Betriebe sich anzupassen. Laut Björn Woywod bieten sie gewisse Benefits und versuchen Themen wie Work-Life-Balance in den Beruf aufzunehmen. Ob der Beruf in den nächsten zehn bis 20 Jahren technische Neuerungen oder körperlich entlastende Maßnahmen erwarten wird, winkt Woywod ab. Dennoch soll das Tischlerhandwerk seiner Einschätzung nach in Zukunft stabil bleiben.


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