• In Zeiten von Corona und Homeoffice hat sich der Alltag vieler Menschen drastisch verändert.
  • Auch haben sich die Umstände und Anlässe, Alkohol zu konsumieren, verändert.
  • Hier werden zwei Frauen begleitet, dessen Alltag unterschiedlicher nicht sein könnte.

Ein Morgen, zwei Welten

Es ist Dienstag. Victoria, 29 Jahre alt und Angestellte in einem Büro, startet den Tag um 8:00 Uhr mit Kaffee und Kippe. Seit nun neun Wochen ist sie im Homeoffice. Im Büro würde sie jetzt mit ihren Kolleginnen zusammenstehen und den Ablauf des heutigen Tags besprechen.
Heute sitzt sie mit ihrem Handy auf dem Balkon und spricht über Facetime mit eben jenen Kolleginnen. Seit 9 Wochen sei das ihr tägliches Ritual, sagt sie.

Am anderen Ende der Leitung sitzt Yvonne. Sie und Victoria sind Arbeitskollegen. Yvonne ist 32 Jahre alt und alleinerziehende Mutter von zwei Kindern. Ihr Tag beginnt um 6:00 Uhr. Um 8:00 Uhr hat sie bereits die Kinder angezogen und Frühstück gemacht. Sie nutzt den morgendlichen Spaziergang mit dem Hund, um ihre erste Zigarette zu genießen.

Homeoffice und Corona – Situationsbedingte Komplikationen

Nach dem Anruf fängt Victoria an zu arbeiten. Sie ist verantwortlich für Bewerberinnen und Bewerber und führt Vorstellungsgespräche. Bis 12:00 Uhr ist sie damit beschäftigt. Danach geht sie einkaufen. Auf der Einkaufsliste steht nur eine Sache: Dinkel Mehl. Aufgrund von Corona ist das aber leider Mangelware. Nachdem sie erfolglos drei Läden abgeklappert hat, gibt sie auf. Aus Frust kauft sie Wein. Davon könne man eh nicht genug im Haus haben, erklärt sie.

Yvonne hingegen muss bis 11:00 Uhr ihren Sohn zu Hause unterrichten. Dieser ist in der ersten Klasse. Die Schwierigkeiten, die es mit sich bringt, sein eigenes Kind zu unterrichten, sind nervenaufreibend. Neben andauernder Unkonzentriertheit des Kindes und seiner Verweigerung sich der Aufgaben zu widmen, fließen auch ein paar Tränen. Um 11:00 Uhr hat Yvonne schon fünf Stunden ein volles Programm gehabt.

Seine eigenen Kinder zu unterrichten, ist für Viele eine Herausforderung. Foto: Antonia Schmidt

Veränderter Alkoholkonsum

Victoria stellt Zuhause erstmal den Wein kalt. Um 13:30 Uhr hat sie ein internes Meeting mit ihren Teamkollegen. Bis dahin räumt sie noch ein wenig auf und erzählt von ihrem Alkoholkonsum der letzten Wochen. Sie sagt deutlich, dass sich dieser merkbar verändert hat.

Meetings enden gerne mal mit geselligem Betrinken mit Kollegen. Auch die Häufigkeit des Trinkens hat sich verändert. Der Weg zur Kneipe ist nun mal einfach aufwendiger als der Weg zum Kühlschrank – und im Grunde trinkt man ja auch in Gesellschaft.

Auch Yvonne redet über ihren Alkoholkonsum während der momentanen Situation. Sie kann nicht sagen, wann sie das letzte Mal dazu gekommen ist, ein Glas Wein zu trinken. Neben der Tatsache, dass dafür einfach keine Zeit ist, kann sie sich es einfach nicht erlauben, betrunken zu sein. Schon allein wegen dem potentiellen Kater am nächsten Tag. Ich muss funktionieren, erklärt sie mir.

Digitale Meetings und andere Neuheiten

Bei dem Meeting von Victoria geht es um geplante Newsletter. Bis viertel nach zwei wird darüber geredet, welche Inhalte geeignet wären. Ab diesem Zeitpunkt steht der Erste in der Runde auf und kommt nach ein paar Minuten mit einem Bier wieder. Um 15:00 Uhr ist das Meeting offiziell vorbei. Ein Kollege muss ins nächste Meeting, verspricht aber wieder zu kommen. Der Rest des Teams hat mittlerweile jeweils irgendetwas alkoholisches vor sich stehen. Feierabend.

Sozialisierung über Skype. Foto: Antonia Schmidt

Yvonne erarbeitet Arbeitsprozesse und versucht diese auf die bestmögliche Effizienz zu optimieren. Um 16:00 Uhr geht sie die zweite Runde mit ihrem Hund. Zwischen dem Erstellen von Präsentationen und der aktiven Teilnahme an Meetings, müssen die Kinder beschäftigt und versorgt werden. Es wurde Mittagessen gekocht und aufgeräumt.

Tapetenwechsel

An der Situation von Victoria hat sich um 17:00 Uhr nur ihre geografische Lage geändert. Sie ist vom Schreibtisch auf den Balkon umgezogen. Mittlerweile sind noch weitere Arbeitskollegen hinzugekommen. Die Stimmung ist gut, es wird Musik gehört, über die Arbeit geredet und ordentlich getrunken.

Wein auf dem Balkon. Foto: Antonia Schmidt

Yvonne muss auch Einkaufen. Auch sie ist auf der Suche nach etwas bestimmten: Toilettenpapier. Dieses findet sie endlich gegen 18:00 Uhr. Das ist ihr Highlight des Tages. Zuhause muss sie die Arbeit nachholen, die sie den Tag über nicht geschafft hat. Anstatt Wein gibt es hier Kaffee. Der achte für heute. Um 20:00 Uhr schaut sie kurz in dem Meeting von Victoria vorbei.

Trinkspiele und andere Gute Nacht Geschichten

Hier werden mittlerweile Trinkspiele gespielt. Der Pegel hat „ein leichtes angetrunken sein“ schon längst überschritten. Es wird gelacht und Arbeit ist schon seit zwei Stunden kein Thema mehr.

Es ertönen Jubelschreie als Yvonne dem Meeting beitritt. Yvonne erzählt von ihrem Tag, ab und zu erscheint ein Kind im Bild. Alle freuen sich darüber, unterhalten sich mit dem Kind und schneiden Grimassen.

Yvonne verabschiedet sich nach einer halben Stunde, um die Kinder ins Bett zu bringen. Währenddessen packt Victoria den Tequila auf den Tisch. Der Abend hat gerade erst angefangen.

Meetings mit Kind im Gepäck. Foto: Antonia Schmidt